Dienstag, 4. März 2008

 

Alt wie ein Baum

Heute war in der Berliner Zeitung ein Artikel von Regine Sylvester über eine Hundertjährige, Rosl Persson. Das Bild in der Mitte des Textes zeigt eine Frau mit wachem Blick. Die alten Hände sind vom Leben gezeichnet.
Das war seit langem mal wieder ein Beitrag, der dazu zwingt, die eigene Sicht auf die vielen Unzulänglichkeiten des Lebens zu relativieren.
Rosl wohnt in Berlin Neukölln, also in einem der schlimmsten Bezirke Berlins. Sie wohnt in der 5. Etage eines Hauses am Weigandufer, ohne Fahrstuhl, und sie kann diese Treppen auch noch mit ihren hundert Jahren erklimmen. Sie hat’s im Blut, denn noch mit 86 Jahren ist sie auf einen “Viertausender” geklettert, schreibt Regine Sylvester. Auch schreibt sie: “Wer Rosl Persson besucht kann etwas über das Glück lernen.”
Frau Person ist körperlich und geistig fit. Als Rente erhält sie die Grundsicherung, aber sie sagt: “Geldmangel habe ich nie gespürt. Meine Ansprüche waren nicht derart. Ich habe immer mehr auf meinen Körper geachtet als auf Kleider.”
Sie war oft verliebt und vertritt eine erstaunlich sexuelle Offenheit für ihre Generation. “Aber weil ich gesehen habe, wie viele Arbeiterfrauen bei Abtreibungen das Leben verloren, weil ich das ganze Elend erlebte, ließ ich mir ein Verhütungsmittel einsetzen”, so äußert sich Rosl. Mehr kann man in der Online-Ausgabe der Berliner Zeitung
https://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/seite_3/730336.html
lesen.
Mir fällt da ein, Dr. Wolfgang Böhmer, der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, sollte sich vielleicht mal mit einer Hundertjährigen unterhalten, damit er solche Fettnäpfe und irrigen Ansichten, dass die Abtreibungsgesetzgebung in der DDR Ursache für die häufigen Kindstötungen im Osten Deutschlands sein könnten, künftig vermeidet.
Auch empfehlenswert für Herrn Böhmer ist der Roman “Gottes Werk und Teufels Beitrag” von John Irving. Hier besonders bemerkenswert, dass ein Mann einen Roman über das heikle Thema der Abtreibungen schreibt und das in Amerika.
Dem Buch vorangestellt ist ein Zitat von Charlotte Bronte aus dem Jahre 1847:
“Festhalten am Herkömmlichen ist nicht sittliches Verhalten. Selbstgerechtigkeit ist nicht Frömmigkeit. Ersteres schmähen heißt nicht letztere anfechten.”
Ich selbst bin Gott sei Dank nie in diese Situation gekommen, aber ich weiß, dass einige meiner Klassenkameradinnen, bevor 1972 das Abtreibungsgesetz beschlossen wurde, illegale Abtreibungen gemacht haben, die sie unter Umständen mit ihrem Leben bezahlt hätten oder mit dem Risiko, nie wieder Kinder zu bekommen.
Das Abtreibungsgesetz diente auch nicht einem leichtfertigen Umgang mit ungeborenem Leben oder war Mittel der Familienplanung, denn in der DDR gab es ja dann auch mit Einführung der Pille die Schwangerschaftsverhütung umsonst. Eine Abtreibung ist immer ein schwerwiegender Eingriff in das Leben der Frau und auch immer eine moralische Hürde. Mir ist keine Frau bekannt, die eine Abtreibung als Sonntagsspaziergang abgetan hätte.
Ein verantwortungsbewusster Umgang mit Kindern hat immer auch etwas mit dem Bildungsstand der Mütter und Väter zu tun, mit ihrem sozialen Umfeld. Kindermorde oder Gewalttaten gegen Kinder passieren meist in den Unterschichten, dort also wo Bildungsnotstand und Armut herrscht.
Die Gesellschaft tut nichts dazu, um das zu verändern, sondern im Gegenteil. Herr Böhmer sollte sich mal ansehen, wie die Unterschichten, mit ein paar Euro gelockt, ihr ganzes Leben vor dem Bildschirm präsentieren. Da werden Familienduelle ausgetragen, Schwangerschaftstests öffentlich ausgewertet und das Sexualleben ausgebreitet. Vielleicht bringen die Fernsehmacher demnächst eine Show mit dem Titel “Ich bin schwanger, wohin nun mit dem Kind?”
In einer Gesellschaft in der tagtäglich die Unsicherheit wächst, in einem Land wo fast jeden Tag Busfahrer angegriffen werden, Menschen wegen nichts oder wegen ihrer Hautfarbe geschlagen oder umgebracht werden, man auf dem Weg zur S- oder U-Bahn an Drogendealern oder Junkies vorbei muss, da kann es schon möglich sein, dass die verzweifelte arbeitslose Schwangere, die keinen Ansprechpartner mehr findet, nicht mehr weiß, was sie tut, wenn sie ihr Baby tötet.
Klara

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Kommentare:
Liebe Klara,
heute bekommst Du mal Post von Deiner ehemaligen Studienkollegin Ingrid. Ich denke, jeder alte Mensch hat seine mehr oder weniger interessante Biografie, wobei die der 100-jährigen natuerlich etwas Besonderes ist. Dieses Leben ist Geschichte pur und wenn ich so etwas lese, denke sofort an das Buch der Makjanna Fornalska "Erinnerungen einer Mutter". Ich glaube wer so bewusst von Kindesbeinenan lebt wie diese Rosl Persson, der legt damit schon den Grundstein für ein langes Leben. Aber mich fasziniert immer wieder, wie Du es vermagst aus der Betrachtung dieses Lebens einen kritischen Uebergang zum aktuellen Geschehen unseres Alltags zu schaffen. Das ist Dir hervorragend gelungen, schade, dass Dein Leserkreis sich auf Einige Wenige beschraenkt mit Deiner Sicht auf unser heutiges Leben, inspiriert von unserer Vergangenheit, koenntest Du so manches nichtssagendes Tagesblatt gehaltvoll bereichern.
In der Wochenendausgabe 8./9.3. schreibt Annika Mueller "Mit dem Porsche zum Tatort" dass der heutige "Tatort"-kommissar sich hat letztendlich laenger festlegen lassen, als so eine Art Rentenvertrag, er hat halt Kinder großzuziehen und Rechnungen zu bezahlen. Dieser bedauert nur, dass er keine Filmgroßmutter hat, weil Generationsgespraeche zu fuehren, Schichten zu hoehren die einen auffuellen, heute fehlen.
Muss man nun "alle Achtung sagen", der Trend ist doch der, wen interessiert das Vergangene, das Erlebte?
 
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