Dienstag, 5. Februar 2008

 

Erinnerung

Je älter man wird, desto öfter passiert es, dass man in die Zeitung schaut und unter den Todesanzeigen jemanden entdeckt, den man kannte und erinnert sich.
So ging es mir auch letzten Samstag. Ich war mir nicht sicher, ob es sich bei der Traueranzeige der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft, für Herrn Prof. Kurt Adamski, um den ehemaligen Mathematikdozenten, der unsere Frauensonderklasse von 1974-1978 während unseres Studiums an der Außenstelle der Ingenieurschule für Lebensmittelindustrie Dippoldiswalde hier in Berlin unterrichtete, handelte. Meine Studienfreundin Ingrid, die ich telefonisch befragte, saß mit ihrem Mann ebenfalls zuhause am Frühstückstisch. Beide waren genau wie ich gerade beim Lesen der Anzeige in der Berliner Zeitung und bestätigten meine Vermutung.
Im Andenken der Schule wurde betont, dass Herr Prof. Adamski Generationen von Ingenieurstudierenden geprägt hat und sein Humor, seine optimistische Lebenseinstellung, seine Kollegialität und seine Hilfsbereitschaft, ihm die Achtung und das Schätzen der Mitglieder der Fachhochschule sicherten.
Ja, und so ist es uns beiden ehemaligen Studierenden auch gegangen. Noch heute, nach über 30 Jahren, erinnern wir uns gerne an unseren damaligen Dozenten.
Ich weiß noch genau, wie ich am 01.09.1974 das erste Mal in die Frauensonderklasse mit Studienziel Ingenieurökonomie ging.
Das war damals in der DDR üblich, dass Frauen, die beruflich weiter kommen wollten, sich trotz Familie und Kindern auf die Schulbank setzten.
Viele Frauen waren schon zwischen 30 und 40 Jahren, und es war nicht immer ganz einfach neben dem Job, Kindererziehung und Hausfrauenarbeit auch noch das Studium durchzuziehen, und manch eine der Frauen hat aufgegeben.
Aber die Gleichberechtigung der Frau in der DDR war in den Betrieben auch nicht immer so, wie es im "Neuen Deutschland" stand. Ich war damals Leiterin der Allgemeinen Verwaltung im VEB Getränkekombinat Berlin. Ich bekam aber nicht dasselbe Entgelt wie mein Vorgänger auf diesem Posten, der keinesfalls ein Studium aufzuweisen hatte, aber der war ja ein Mann.
Man versprach mir, das volle Entgelt zu zahlen, wenn ich mein Studium erfolgreich abgeschlossen habe. Ich wurde also vom Betrieb zum Studieren geschickt, und das tat ich dann auch. Frauen mussten auch in der DDR immer ihre Gleichberechtigung beweisen.
Also saß ich nun bei Herrn Adamski im Mathe-Unterricht. Die Mehrzahl der Frauen hatten bereits einen Vorbereitungkurs auf das Studium gemacht, den ich glaubte nicht nötig zu haben, da ich ja mein Abitur gemacht hatte.
Natürlich hatte ich mich auch vorbereitet und meine alten Mathematikaufzeichnungen nachgelesen und meine Aufzeichnungen demonstrativ auf mein Pult gelegt. Aber zwei, drei Fragen durch Herrn Adamski und die Bemerkung: "Ihre alten Aufzeichnungen können sie wohl in die Tonne kloppen. Hätten wohl doch besser den Vorbereitungskurs besucht!", zeigten mir schnell, wo ich stand.
Also legte ich mich ins Zeug und habe nachgeholt, denn unser Mathe-Lehrer hat immer genau die Stelle gefunden, wo jeder verwundbar war, und er hat uns gefordert und gefördert. Er hat seinen Unterricht mit viel Humor und Verständnis gerade für uns "Sonderfrauen" absolviert, und wir haben in Lernzirkeln gepaukt, denn gerade bei ihm wollten wir uns nicht blamieren.
Ich erinnere auch, dass ich meine Matheprüfung nicht im Klassenverband machen konnte, da ich gerade auf Dienstreise war. Also musste ich in die Ingenieurschule fahren und nachschreiben.
Herr Adamski gab mir die Aufgaben für die Prüfung und ließ mich allein in einem Klassenraum der Schule zurück. Es lief ganz gut, und ich konnte die Aufgaben fast alle lösen. Nur eine Aufgabe bereitete mir Kopfzerbrechen, und ich begann zu schwitzen.
Von Zeit zu Zeit kamen dann auch ein paar männliche Studenten, denn in Lichtenberg studierten vorrangig Männer, aus Neugier vorbei und versuchten mir zu helfen, aber auch sie vermochten nicht, meinen Fehler zu entdecken.
Nach gut dreiviertel der Zeit kam auch Herr Adamski und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich sagte ihm, dass ich fast fertig sei, aber mit dieser einen Aufgabe nicht zurande kam.
Er schaute mich an und sagte: "Konnte Ihnen denn keiner dieser Studenten helfen?" Er wusste also, dass hier ab und zu jemand vorbei schaut.
Ich musste ihm also sagen, dass seine Direktstudenten genauso blöd waren wie ich aus der Frauensonderklasse.
Er guckte auf seine Fragestellung und Formeln und entdeckte in wenigen Sekunden einen Fehler, den er selbst gemacht hatte, als er die Aufgabe stellte. Er veränderte alles und meinte: "Das ich einen Fehler mache, kann schon passieren. aber dass meine Studenten den nicht entdeckt haben und ihnen nicht geholfen haben, das ist ungeheuerlich!"
Ich löste dann die Aufgabe in Windeseile und bekam ein "sehr gut" für meine Arbeit und insgesamt ein "gut" für das Fach Mathematik, das wohl auch eher meiner Leistung entsprach.
Wie seine Hochschulkollegen denke auch ich noch heute mit Dankbarkeit an diesen Lehrer, der auch unsere Frauensonderklasse mit geprägt hat.
Monika

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